
Liebescoaching, Astrologiecoaching, Gesundheitscoaching, Gehirncoaching, Business Coaching, etc. etc. Ich frage mich oft wie potentielle Coachingkunden*innen bei der Fülle an Selbstoptimierungsangeboten den Überblick behalten und zu einem qualitativ hochstehenden Angebot mit einem gut ausgebildeten Coach finden. Ich staune, wie schnell und wie allumfassend sich dieser Begriff für die verschiedensten Angebote durchsetzten konnte.
Gemäss der Erhebung von Stephan & Wegner (2022) sind geschätze 40'000 Coachinganbieter momentan im deutschsprachigen Raum tätig. In den letzten vier Jahren ist das Marktvolumen um 50% gewachsen, der Ruf nach Qualitätskontrollen und Professionalisierung wird laute. Erschwerend kommt hinzu, dass unzählige Berufs- und Fachverbände nebeneinander existieren, mit unterschiedlichen Zertifizierungsprozessen und -siegeln.
In diesem Frühjahr hat die Coachingzunft bereits einige Seitenhiebe von prominenter Stelle einstecken müssen. "Ist nicht irgendwie jeder ein Coach?", fragt Jan Böhmermann in seiner Sendung ZDF Magazin Royale vom 24.2.2023 und zerlegt dann genüsslich die sich vorwiegend in Social Media bewegende "Business Coaching"-Szene, welche nach meinem Verständnis nichts mit Businesscoaching zu tun hat. Phrasen wie “110-prozentige Erfolgsgarantie!”, "Geh Dein Ding" und alles ohne Arbeit sind unfreiwillig komische Empfehlungen, welche so gar nicht zu Coaching als Beratungsformat passen. Der Satiriker Sebastian Hotz legte mit seinem empfehlenswerten Buch "Mindset" nach und beschreibt ausgehend von seinem Protagonisten Mirko seine Sicht auf das Schneeballsystem von sogenannten "Online-Coaches".
An was können potentielle Kunden*innen sich also orientieren?

Zunächst möchte ich kurz auf ein mögliches Beratungsverständnis eingehen, auch im Bewusstsein, dass Kategorisierungen stets Hilfskonstrukte darstellen und einem stetigen Wandel und Ausdiifferenzierungen unterliegen.
Ich berufe mich hier auf das bekannte und bewährte Bertungsmodell von Schein (2000). Der kürzlich verstorbene Edgar H. Schein, der als Gründer der Organisationspsychologie gilt, geht von drei Beratungsmodellen aus, 1) der Expertenberatung, 2) der 2) Arzt-Patienten-Beratung und 3) der Prozessberatung.
Im ersten Beratungsformat, der Expertenberatung, kennt der*die Kunde*in den Bedarf und vielleicht schon eine mögliche Lösung, es fehlen jedoch Informationen. Die Beratungsperson in der
Expertenrolle liefert zum genannten Problem sein*ihr Fachwissen und eine Lösung. Beratung sollte einen Unterschied machen oder anders ausgedrückt mit der Beratung sollte etwas anders
und im besten Fall besser werden für den*die Auftraggeberin. Im Zuge der Expertenberatung geht es um Wissen versus Nichtwissen.
Im zweiten Beratungsformat, der Ärzte-Patientenberatung kennt der*die Kunde*in häufig das Problem/den Bedarf nicht so genau, oftmal besteht eher ein diffuses Unwohlsein oder Symptome einer körperlichen Krankheit oder eine psychischen Störung. Der Auftrag an die Beratungsperson ist hier also herauszufinden, wo das Problem/der Bedarf liegt und eine passende Lösung/eine geeignetes Medikament/eine geeignete Behandlung zu liefern. Den Unterschied macht hier gemäss Schein: Gesundheit versus Krankheit.
Im dritten Beratungsformat, der Prozessberatung zu welcher sich Coaching im Selbstverständnis der meisten Fachverbände zählt, kennt häufig weder der*die Kunde*in noch die Beratungsperson den genauen Bedarf. Die Beratungsperson unterstützt nun den*die Kunde*in den Bedarf zu erkennen und zu formulieren. Die Leistung der Beratung bezieht sich auf die Prozessgestaltung also darauf geeignete Bedingungen bereitzustellen, damit der*die Auftraggeber*in den Bedarf erkennen und formulieren kann und als Experte*in seiner*ihrer eigenen Lebenswelt und von sich selbst Lösungen entwickelt kann. Der Beratungsunterschied dreht sich also um die Nützlichkeit des Angebots für den*die Kunde*in.
Diesem Respekt, dass die zu beratende Person Experte*in für sich selbst ist, ist es wohl auch geschuldet, dass sich Coaches, ganz unpassend zur landläufigen Meinung häufig zurückhalten mit
Ratschlägen und ihr Feldwissen meist nicht ungefragt einbringen. Vielmehr geht es für Coaches als Experten*innen für Problemdefinitionen, Löungsentwicklung und Prozessgestaltung, um die
Unterstützung von integrativem Erleben, also das Unterstützen der Metaebene des*der Kunden*in, um die Rolle als Impulsgeber*in von Suchprozessen, welche neue Perspektiven eröffnen und dem
Achtgeben dass Reflektionsprozesse ergebnisorientiert (Greif, 2008) (lösungsorientiert und zielgerichtet) bleiben. Coaching sagt nicht wie es geht, sondern unterstützt dabei es
selbst herauszufinden und umzusetzen (Loebbert, 2019).Gemäss Loebbert ist das Ziel von Coaching die Verbesserung der Selbststeuerung von Auftraggeber*innen oder anders ausgedrückt die
Fähigkeit, das „eigene Verhalten zu beobachten, zu bewerten und an eigenen Zielen flexibel auszurichten, zu
verstärken.
Der Coach ersetzt keinen Fachberater (z.B. Unternehmensberater, IT-Berater, Arbeitsmediziner, Rechtsanwalt usw.). Dennoch wird der Coach häufig auch als fachlicher Ansprechpartner bei bestimmten Anliegen gesehen und um Ratschlag oder eine persönliche Stellungnahme gebeten. Sofern dies für den Beratungsprozess sinnvoll ist und der Coach über die entsprechende fachliche Kompetenz verfügt, kann dies ein Teil von Coaching-Prozessen sein. (Deutscher Bundesverband e.V.)
Schauen wir auf zwei Defintionen der unzähligen Fachverbände und Dachorganisatioen, um die eben präsentierte Coachingdefintion noch in den grösseren Kontext zu stellen:
Die ICF (International Coach Federation) beschreibt Coaching als eine partnerschaftliche Verbindung mit Klienten*innen in einem gedankenauslösenden und kreativen Prozess. Das Ziel ist, sie dazu zu inspirieren, ihr persönliches und berufliches Potenzial optimal zu entfalten(frei aus dem Englischen übersetzt).
Gemäss dem Berufsverband für Coaching, Supervision und Organisationsberatung (BSO) widmet sich Coaching der erfolgreichen Umsetzung von Aufgaben und Herausforderungen, der Erweiterung des
Handlungsspektrums und verfolgt das Ziel der persönlichen Reflexion. Coaching setzt den Fokus auf die Person, deren Positionen, Rollen und Rollenhandeln. Mit Coaching bezeichnen wir Ansätze, die
die Berufsrolle, die Funktion, Leistung und
(Problem)-Lösung im System in den Vordergrund stellen und sich an exponierte Per-
sonen und Entscheidungsträger:innen wenden.
Auffallend ist, dass sich im deutschsprachigen Raum per Definition häufig eine stärkere Fokussierung von Coaching auf den beruflichen Bereich durchgesetzt hat, während im angelsächsischen Raum auch persönliche Entwicklungsbereiche Gegenstand von Coaching sein können. Sehr klar in allen Defintion ist hingegen: Coaching grenzt sich deutlich von einer psychotherapeutischen Begleitung ab. Ein Coach arbeitet mit psychisch gesunden Menschen, welche grundsätzich ein hohes Mass an Selbststeuerungsfähigkeit aufweisen, die ihr Verhalten reflektieren und Veränderungen selbst herbeiführen können.
Was bedeutet dies nun konkret für Kunden*innen?
- Hat der*die Coach eine klare Vorstellung von ihrer*seiner Arbeitsweise und kann diese näher erläutern?
- Welche Aus- und Weiterbildungen und/oder Zertifizierungen hat der*die Coach?
- Welche Berufserfahrung (und damit auch Feldkompetenz) hat die*der Coach?
- Gibt der*die Coach Erfolgsgarantien ab?
- Hat jemand im persönlichen Umfeld bereits gute Erfahrungen mit dem*der Coach gemacht?
- Steht der*die Coach auf einer Website eines renomierten Berufsverbandes?
Die angeführten Punkte sind kein Muss, eher eine grobe Orientierungshilfe. Die persönliche Chemie zwischen Coach und Klient ist wichtig, ein erster Eindruck lässt sich gut in einem ersten Gespräch gewinnen.
- Greif, S. (2008). Coaching und ergebnisorientierte Selbstreflexion: Theorie, Forschung und Praxis des Einzel-und Gruppencoachings. Göttingem: Hogrefe.
- Loebbert, M. (2019). Coaching in der Personal- und Organisationsentwicklung. Für selbstbestimmtere Mitarbeitende. Berlin: Springer.
- Schein, E.H. (2000). Prozessberatung für die Organisation der Zukunft: der Aufbau einer helfenden Beziehung. Gevelsberg: EHP-Verlag Andreas Kohlhagen
- Stephan M., Wegner C. (2022). Marburger-Coaching-Studie - Forschung - BWL: Technologie- und Innovationsmanagement - Philipps-Universität Marburg [Internet]. Marburg [zitiert 31. August 2023]. Verfügbar unter: https://www.uni-marburg.de/de/fb02/professuren/bwl/bwl01/forschung/coachingstudie